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Roquetas de Mar nach Sevilla 2002

Teil 1 Amberella bekommt ein gelbes Kleid

Freitag 5. Juli 2002
Spanien begrüßt mich mit heißem Wetter. Auf dem Weg nach Roquetas de Mar fallen mir die vielen Baustellen auf, die das bereits verschandete Stadtbild noch gigantischer machen. Wer wird hier in dieser Betonwüste, mit dem Plastikhinterland (in Almeria gibt es hunderttausende Quadratmeter Gewächshäuser) wohnen? Seit unserem letzten Aufenthalt in R. d. M wurde der Bau eines riesigen Einkaufszentrum, ein Theater, eine Stierkampfarena und diverse Wohnhäuser begonnen.


Im Hafen erkenne ich das gewohnte Bild. Juanco und Isabella wohnen noch im selbst gebauten und halb fertig gestellten Katamaran „Juanco“ . J. verdient sich Geld mit dem Tauchen nach roten Korallen nahe der Insel Alboran. Für den Korall, den die Italiener gerne als Modeschmuck abkaufen und verarbeiten, muss Juanco mehr als 80m tief tauchen.
Der Fischerhafen hat sich nicht verändert, Einzig ein großer blauer Katamaran mit Krananlage liegt jetzt an der mittleren Mole. Er wird verwendet um die neu angelegte Fischfarm zwischen Almeria und Aquadulce zu bearbeiten. Tonnen von Fischmehl liegen in übergrossen Säcken auf der Mole. Nachdem die spanische Mittelmeerküste kaum noch Fisch hergibt wird nun das Fischfarmen begonnen. Unverkäuflicher Fisch kann nun gefangen, zu Fischmehl verarbeitet und an die Farmfische verfüttert werden. Irgendwann kommt dieser Kreislauf zum Stillstand, aber die Fischer begreifen das wohl nie. Noch immer fahren sie täglich raus und fangen, was das Meer noch hergibt.

Amberella steht auf der Werft und ist komplett vom Saharasand vergilbt. Das Deck gleicht einer Wüste. Eine erste Kontrolle ergibt: Niemand hatte versucht in das Schiff einzudringen. Wertsachen waren ja ohnehin nicht an Bord.
Ich sehe mich eine Weile um und beginne das Werkzeug zu ordnen und schreibe eine Liste mit den Dingen die ich noch zum Arbeiten brauche.

Samstag 6. Juli 2002

Bereits am Morgen ist es kochend heiß. Ich bin wie gelähmt und verstecke mich im Schatten der Amberella und auf dem Weg in die Stadt suche ich immer wieder mal Schutz in einem Geschäft. Auf dem Rückweg habe ich einen mittleren Unfall mit dem kleinen Aluminiumroller und schramme mir den linken Fuß auf. Willkommen in Spanien. Bei der Hitze werde ich wohl eine Weile an dieser Schramme laborieren.
Auf den Schreck nehme ich am Mittag einige Tapas und 2 Bier zu mir und bin danach so müde und erschlagen, dass ich bis abends platt in der Koje liege.
Um 2100 Uhr, es ist noch taghell, beginne ich endlich an der Amberella zu arbeiten. Mit der Dunkelheit schalte ich das Halogenlicht ein und arbeite bis nachts um 0300h. Mein Entschluss: Kein Bier mehr bis Amberella im Hafenbecken liegt.



Sonntag 7. Juli 2002

Jetzt habe ich mich an die Hitze gewöhnt und das Tagwerk kann schon früh beginnen. Zwar tun mir die Knochen von der Nachtarbeit weh, und auch die Fußwunde nässt und schmerzt weiterhin. Trotzdem bin ich voller Energie und widme mich der groben Arbeit. Der Kiel, den ich im letzten November nicht sandstrahlen konnte, weil mir die Technik hierzu einfach in Roquetas fehlte, wird nun von Hand sauber abgeschliffen. 6 m2 Rost und Stahl mit der Flexmaschine und einer schweren Drahtbürste. Zu Mittag und in der großen Nachmittagshitze mache ich Siesta und arbeite dafür wieder Nachts mit dem Halogenlicht.

Montag 8. Juli 2002

Neben der groben Schleifarbeit widme ich immer wieder mal filigraneren Dingen und arbeite vor allem den Ruderschaft und die Propellerwelle, die für die PSI Gleitdichtung einen neuen Stahlrotor bekommt. Dieser wird auf die Welle geschoben und drückt auf einen Karbonflansch der Stopfbuchse um das Wasser aus dem Propellerrohr zurückzuhalten.
Am Kiel habe ich oberhalb der Naht Kiel – Rumpf alles soweit vorbereitet um das Laminat zu ersetzen. Über die Jahre hat sich hier Wasser unter das Laminat gedrückt und es vom Kiel abgelöst. Ich beginne noch am Abend mit dem Verspachteln der Lücken und raue den Stahl grob auf damit die neuen Glasmatten besser am Stahl haften. Das Epoxid das ich verwende lässt sich gut verarbeiten und ich mache eine Mischung die nicht zu stark durchhärtet um flexibel die Bewegungen des Kiels zu kompensieren.
Am Rumpf entferne ich die alte Logge, den Geschwindigkeitsmesser, der noch nie so richtig funktioniert hat. In den Zeiten des GPS ist die Logge fast überflüssig geworden. Da der Durchbruch durch den Rumpf ein Stutzen aus Plastik ist, stellt er für mich eher ein Risiko dar und ich verschließe das Loch mit Glasmatte und Epoxydharz.

Dienstag 9. Juli 2002

Jose und Anna, ein junges spanisches Seglerpaar die wir im letzten Sommer in Roquetas kennen lernten, haben Ihr kleines Schiff namens „Austral“ ebenfalls in der Werft. Die „Austral“ liegt momentan ohne Kiel auf den Böcken. Das 30 Jahre alte Segelschiff hatte Osmose und nun wird auch als letztes der Kiel und dessen Verschraubung am Rumpf neu laminiert.
Jose kommt jeden Tag und erklärt mir mehr und mehr Wörter aus dem Spanischen. Er ist wie viele Spanier sehr hilfsbereit und bietet mir an bei meiner Arbeit zu helfen, da seine eigene Arbeit mehr aus dem Warten auf das Austrocknen des Rumpfbodens besteht.
Da ich Hilfe gut gebrauchen kann nehme ich gerne an und außerdem macht die Arbeit zu zweit auch mehr Spaß. Jose beginnt damit das Unterwasserschiff mit einer Vorstreichfarbe zu streichen.



Mittwoch 10. Juli 2002

Ich habe die Kiel-Rumpf Verbindung über Nacht und am Morgen wieder mit mehreren Lagen Glasfiebermatte und Epoxydharz verschlossen. Nun kann der Kiel der nochmals blank geschliffen wurde mit Teerepoxyd, eine teerartige dicke und absolut wasserdichte Farbe bestrichen werden.
Am Nachmittag kommt Nina aus Deutschland eingeflogen. Jose und ich wollten sie abholen. Doch Kathleen, eine belgische Freundin die in Roquetas arbeitet lässt es sich nicht nehmen und will selbst zum Flughafen fahren. Da ich ohnehin gerade noch mit Kunstharz verschmierten Händen am Kiel laminiere, ist mir das recht. Die beiden Frauen haben ohnehin Monate an Ereignissen zu besprechen, bei denen ich fehl am Platze bin.
Im selben Flieger aus Dresden sitzt auch Markus, Skipper des schönen alten Holz-Segelschiffs „Regina“ , Wir verabreden uns, Jose, Anna, Kathleen, Markus und Nina und ich auf den nächsten Abend zum Pizzaessen.

Donnerstag 11. Juli 2002

Mit Ninas Ankunft kommt auch neue Energie in die Bearbeitung der Amberella. In 5 Tagen, am Montag des 15. Juli wollen wir zu Wasser und wenn man die Liste der Arbeit und die Unmengen Farbe sieht die wir noch verstreichen wollen, glaubt das uns kaum jemand.
Schnell ist der blaue Wasserpass gestrichen und auch das Unterwasserschiff hat seine erste Lage Exoxid Voranstrich.
Das Ruder und die Propellerwelle sind ebenfalls wieder an ihrem Platz und die Batterien sind voll geladen. Eine der vor 3 Jahren alten in der Türkei gekauften Batterien ist ausgefallen und nicht mehr zu gebrauchen, die anderen 3 Batterieblöcke scheinen okay.
Der Kiel hat eine erste Lage Teerepoxydanstrich. Es werden noch 4 weitere Lagen folgen.
Wir treffen Uschi und Len von der Yacht „Wego“ wieder. Len hilft mir um am Kiel eine Stelle zu schweißen. Galvanischer Strom hat ein kleines Loch bis zum Kielbolzen durchgefressen. Das Schweißen des Gussstahls erweist sich als ziemlich kompliziert, doch nach einer Weile ist zumindest ein Teil gut verschweißt und der Rest wird später mit 2 Komponenten Spachtel verschlossen.



Freitag 12. Juli 2002
Ein Tag mit weniger Fortschritt. Wir verbringen einen Teil des Tages mit Einkäufen.
Den halb fertig gestellten Dieseltank nehme ich mir vor und will ihn auch noch bis Montag fertig bekommen. Das Laminieren der 4 Anschlüsse, Einlass, Auslass, Belüftung und Überflussleitung, erweist sich als trickreicher als ich dachte und ich verbringe auch einen Grossteil meiner Zeit mit dem Suchen nach einer Lösung wie ich den neuen Tank in der Backkiste befestige. Es müssen hier wieder Verstärkungen laminiert werden und ich fertige 4 Befestigungen die ich am Schiffsrumpf in der Backkiste laminieren will um den Tank mit Gurten fest zu zurren.
Am Abend rollen Nina und ich die erste Farbe für das Überwasserschiff aus. Ich hatte die Idee das Schiff in einem satten Gelbton zu streichen und nach einem ersten Anstrich sind wir geschockt von diesem Wandel. Weiße Boote sind nun mal das A und O auf See. Aber wir wollen ja schließlich immer ein bisschen anders sein. Ich stelle fest das 2 Anstriche mit der gelben Farbe nicht ausreichen werden um gut und sauber abzudecken. Jose der uns beim Streichen hilft bietet mir an am nächsten Morgen zu der Ferreteria (span. für Geschäfte mit Eisenwaren, Industrie und Haushaltbedarf) zu fahren, die mir die gelbe Farbe im letzten Jahr verkaufte.

Samstag 13. Juli 2002

Wir haben einen zweiten Blick auf die nun goldgelb strahlende Amberella geworfen und gewöhnen uns langsam an diesen Wechsel vom gewohnten Weiß. Ja irgendwie sieht das schon gut aus, obwohl die Teakholzreling irgendwie nicht mit dem Gelb harmoniert.
Das Unterwasserschiff hat auch schon seinen Voranstrich. Wir stellen die Holzböcke, die das Schiff halten, der Reihe nach um, um die verdeckten Stellen zu behandeln. Der Kiel hat nun bereits 4 Anstriche Teerepoxyd erhalten und wartet auf einen letzten Primer, der als Vermittlung zwischen Teerepoxyd und Antifoulung dient. Nina beginnt das Chaos im Schiff zu ordnen. Die meisten Sachen bleiben in den Plastiksäcken verschlossen, da wir ohnehin nur für 14 Tage auf Fahrt gehen. In Sevilla soll wieder alles verschlossen werden. Trotzdem richten wir uns einen Teil der Kojen gemütlicher ein.



Sonntag 14. Juli 2002
Nachdem ich den Rumpf mit einem harten Schwamm, ähnlich den Topfkratzern leicht angeraut habe folgt ein weiterer Anstrich mit gelber Farbe. Nun endlich deckt das Gelb auch gleichmäßig ab. Natürlich hätten wir vor dem ersten Gelbanstrich den Rumpf einheitlich vorstreichen sollen, damit wir später nicht so Probleme mit Flecken und Abdeckungen haben, aber wie so oft ist man hinterher immer schlauer.
Der Kiel bekommt den versprochenen Primer der eine Verbindung zwischen Teerepoxyd und folgendem Antifoulinganstrich darstellt.
Ich verbringe die meiste Zeit im Motorraum und versuche die Welle, die flexible Kupplung mit dem Motor in eine Linie zu bekommen. Die Vibrationen einer nicht genau ausgeloteten Welle haben mir in der Vergangenheit immer Probleme mit dem Getriebe bereitet. Bei bestimmten Drehgeschwindigkeiten verlor das hydraulische Getriebe Öl, wahrscheinlich weil durch das Rütteln der Welle die Simmerringe den Öldruck nicht halten konnten. Außerhalb des Wassers ist es jedoch schwierig eine genaue Ausrichtung von Welle zum Motor zu erreichen, da sich der Rumpf im Wasserdruck verändert, und somit oft auch die Stellung des Motors ein wenig variiert.

Montag 15. Juli 2002

Heute wäre der geplante Tag der Wasserung, aber wir müssen auf 3 weitere Boote warten die uns den Weg zum Wasser versperren. Erst wenn diese Schiffe umgestellt sind, hat der Travelift Platz um die Amberella aus der Ecke der Werft zu tragen.
1 Tag extra ist für uns okay, da wir noch ganz frisch die Antifoulingfarbe am Vorabend aufgetragen haben und die gelbe lineare PU Farbe härtet auch langsamer aus, als eine 2 Komponenten Farbe würde. Dennoch ist das arbeiten mit 2 Komponenten Farbe in der Sommerhitze unmöglich, denn die Farbe trocknet schon am Pinsel aus und man kann nur ganz kleine Mengen verarbeiten, will man nicht das einem die Farbe im Topf hart wird.

Dienstag 16. Juli 2002

Heute soll’s zu Wasser gehen, doch wenn ich mir das Arbeitstempo der Spanier an den Nachbarschiffen ansehe, schwindet mein Optimismus. Luis, der Werftmeister antwortet auf meine Frage wann es nun ins Wasser geht 3-mal widersprüchlich und erst am Nachmittag gibt er zu das es heute wohl nichts wird. Am Nebenschiff wird erst jetzt eine letzte Schicht Farbe aufgetragen. Wir sind sauer auf die Spanier die uns scheinbar ein wenig veralbern wollen. Morgen muss es ins Wasser gehen, denn uns läuft schließlich die Zeit davon.



Ich kümmere mich um einige elektrische Anschlüsse am Schiff und Nina tätigt einige Einkäufe. Am Abend sitzen wir zu Abschied von Markus auf der SY „Regina“ und tauschen Segelerfahrungen aus. Markus war im Frühjahr mit der „Regina“ nahe Gibraltar, hatte aber die Passage hinter den Punkt Europa nicht geschafft weil er zur falschen Zeit gegen den Strom ankämpfen musste.
Das Berechnen der richtigen Zeit für das Durchfahren der Strasse von Gibraltar wird für uns zum größten Problem, da wir kaum Erfahrungen mit den Tiden in Europa hatten. Zwar sind wir 1996 in Australien mit 12 Stunden Tiden in den Kimberleys gesegelt, jedoch sind die 6 Stunden Intervalle bei Gibraltar eine ganz andere Sache. Der Strom kann bis zu 4 Knoten gegen uns sein. Ein Versuch in dieser Zeit der Gezeit ist dann zwecklos. Wenn Wind und Welle dann ebenfalls gegen uns drehen, dann haben wir keine Chance durch die Strasse zu fahren.
Von Markus erfahren wir jedoch, dass Andrea, Skipperin der SY „Kilmeny“, eine Westerly 35, ebenfalls auf den Weg nach Gibraltar ist und bereits exakte Tidentabellen kopiert hat.
Andrea hat ich vor einer Woche kurz getroffen, war jedoch der Meinung sie sei längst losgefahren.

Mittwoch 17. Juli 2002

Die Spanier machen ernst. Die anderen Schiffe werden nacheinander zu Wasser gelassen. Amberella wird kurz nach dem Mittag dran sein. Ich habe gestern schon die Fertigstellung des neuen Dieseltanks aufgegeben, da ich den Einfüllstutzen falsch positioniert hatte. Eine Änderung liegt als und schließe in aller Eile den alten Dieseltank an. Mehr ist nicht zu tun. Wir sehen uns das Wasserlassen der anderen Schiffe an und werden immer nervöser. Der alte Travellift in Roquetas ist bereits zweimal gebrochen und ich weiß, dass ich die Amberella hier nie wieder herausnehmen werde. Nur einmal noch muss der Lift 15 Tonnen Segelschiff heben können. Danach kann das Schrottteil meinetwegen zerfallen. Na ja, ich wünsche natürlich den verbliebenen Yachten auch viel Glück.

Gegen 1400 Uhr ist es dann soweit. Amberella wird aus den Böcken gehoben und bewegt sich langsam auf das Slipdock zu. Majestätisch blitzt die Yacht in den Gurten. Eine Wasserung ist immer wie eine Neugeburt. Es scheint immer wie das erste Mal. Fragen, wie; wird alles dicht sein, wird Wasser eindringen, oder wird der Motor anspringen kommen wie jedes Mal auf.
Zwischendurch gibt es kleines Durcheinander weil sich die Yacht eines Spaniers vom Dock löst und nur noch an einer Leine im Hafenbecken treibt. Der Besitzer hat seine neu lackierte Yacht nur dürftig mit dünnen Nylonleinchen festgemacht.
Dann geht Amberella zu Wasser. Ein schöner Moment. Nach 9 Monaten Stillstand darf sie wieder segeln.



Der Nachmittag besteht aus emsigen Treiben. Der Motor startet auf Anhieb und läuft wie gewohnt. Ich stelle das Rigg ein. Die Segelsäcke türmen sich an Deck. Nina kauft noch mehr Proviant und Wasser ein. Wir treffen Andrea und kopieren Tidentabellen und Auszüge aus einem 20 Jahre alten Hafenbuch. Andrea gibt uns auch noch eine Unmenge an Tipps und Informationen. Die Wetteraussichten für die nächsten Tage sollen nicht sehr gut sein. Laut Vorhersage der Fischer und des Wetter Levante (Ostwind) geben, aber mit Sturmstärke. Wir machen trotzdem alles klar zum absegeln am morgen.

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