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Wieviele Menschen sind wohl glücklich im Alltag?

Kinder an Bord.

Nina beschreibt einmal die Eindrücke aus ihrer Sicht.
Was tun wir eigentlich?
Das einzige was wir tun ist, egoistisch leben! Wir wollen nicht in ein Schema gepresst werden, jeden Tag aufstehen und Dinge verrichten die wir eigentlich nicht tun möchten.
Natürlich ist das auch leichter geschrieben als getan. Zu solch einer idealistischen Lebensform muss man auch einiges einstecken. Und dazu kommt natürlich, dass wir Kinder haben welche wir der normalen Zivilisation nicht vorenthalten wollen, können, dürfen.
Wir geben ihnen ein Teil unserer Vorstellung vom Leben mit auf ihren Weg. Was sie später damit tun ist allein ihnen überlassen

 

Die Frage nach Sinn und Unsinn stelle ich mir in den letzten Tagen vermehrt? Zumal wir immer wieder einige unbekannter Leser kriegen die uns Mut zu sprechen und uns ihren Alltag in der Zivilisation beschreiben.
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Wäre ich nur auf mich gestellt, hätte ich meine Art, Form, Umgebung zu leben gefunden. Weit ab von den Nachrichten, TV -immer dann wenn nicht erwünscht- schrill läutenden Handys, entfernt den stinkenden Autos, die wie hungrige Löwen durch die Strassen jagen, den unzufriedenen Leuten die sich jede Woche eine neue, noch grössere und noch ausgefallenere Mikrowelle wünschen. Distanziert vom Neid und Besserwissern. Was will ich mehr?

Fast täglich werde ich, sei es auf der Strasse, im Hafen oder per e-mail, angesprochen und mit Fragen konfrontiert. Ihr habt Kinder an Bord?
"Ja, müssen ihre Kinder nicht in die Schule? Habt ihr überhaupt genügend Platz? - und - "Wie ist das wenn ihr auf hoher See seid, werden die Kinder seekrank? - weiter geht’s mit: "Seid Ihr versichert?
"Kennt Ihr die Gefahren und Krankheiten die da draussen auf euch warten? Und überhaupt wie steht es mit der Hygiene? Wird es den Kindern und euch nie langweilig?
Wenn Nastasja Ihre Freundinnen oder Freunde mit an Bord nehmen darf wird sie fast sofort gefragt. Hast Du denn keinen Fernseher? Warum? Ist Dir so denn nicht langweilig?
Das Bootsleben für die Nichtsegler bezieht sich fast immer auf stürmisches Wetter, Langeweile auf See und Gefahren.
Niemand kommt auf die Idee, dass wir einen ganz normalen Tagesablauf leben und unser Leben genauso wie das Landleben von Regeln bestimmt wird. Das dabei ein paar neue Regeln hinzukommen, wie zB immer Wetterberichte anhören oder vorausschauend Handeln, ist doch klar und geht schnell ins Blut über.
Ich glaube das wird in unserem Tagebuch schon deutlich genug. Das Bootsleben ist für uns ein 24h Job ohne Bezahlung. Im Winter stehen die Reparaturen, Aufwertungen und Erneuerungen auf dem Plan und im Sommer wenn es dann heisst Segel setzen hat man kaum mehr eine freie Minute! Für die Kinder ist es Abenteuer pur. Strand, Wasser, Sonne und Tiere mit dem Bonuspunkt immer an der frischen Luft. Langeweile kommt ebenso auf, wie schnelle Abwechslung.
Ich glaube, dass wir uns intensiver mit Hygiene und Gesundheit befassen als manch andere Festlandleute. Das fängt schon beim Essen an und hört mit Reinheit an Bord auf. Wir kaufen sehr bewusst Nahrungsmittel ein. Was ist haltbar, was muss man schneller verwerten. Nicht nur, dass wir peinlich darauf achten immer frische Lebensmittel zu haben oder Lebensmittel lange frisch speichern zu können, auch achten wir bei der Zusammenstellung des Essens ausschliesslich auf gesunde und nahrhafte Kost. Fastfood und Pommes Frites ist eine Seltenheit an Bord.
Achten wir doch stark darauf dass keine Ungeziefer angeschleppt werden. Apropos Krankheiten schützen wir uns unter anderem mit diversen Impfungen.
Immer wieder werde ich gefragt, ob ich keine Angst habe, dass die Kinder ins Wasser fallen. -oder- gerade heute die Frage die mich verblüffte" Ob wir auch aufpassen dass die Kinder im Hafen immer genug Abstand zum Kai haben, damit sie nicht ins Wasser fallen" Ja, die Gefahr besteht auf dem Boot natürlich immer, ist aber nicht im geringsten grösser als zu hause den Kindern beizubringen beim Überqueren der Strasse auf die Autos zu achten.
Die Vorsicht geht den Kindern dann genauso ins Blut über wie andere Gefahren auch. Da unsere Kinder seit klein auf mit dem Bootsleben vertraut sind bestehen bei uns wenig Probleme. Wir achten natürlich darauf dass zB Nastasja niemals unbeaufsichtigt das Schiff betritt oder verlässt. Vor einem Jahr fiel Nastasja tatsächlich einmal von Bord, als sie versuchte mit übergrossen Hausschuhen die Planke zum Steg zu überqueren. Der Schreck war gross, doch Frank fischte sie aus dem Wasser noch bevor sie mit eigenen Schwimmbewegungen auftreiben wollte. Danach war für Nastasja klar, dass sie bereits selbst schwimmen kann und sie zeigte weiterhin wenig Scheu vor dem Wasser.
Probleme bereiten uns eher immer fremde Kinder die Nastasja mitbringt und auf die man doppelt aufpassen muss, denn sie sind die Bewegungen des Schiffes nicht gewohnt, wollen aber immer Nastasja mutig alles nachmachen.
Im Winter ist auf dem Deck sogar eine Schaukel erlaubt und der Baum wird als Pferderücken oder Klettergerüst umfunktioniert.
Wir wollen aber bewusst nicht zu viele Ängste in den Kindern aufbauen. Wenn Eltern ängstlich oder nervös reagieren, verhalten sich auch die Kinder dementsprechend. So ist es auch auf See.
Richtig seekrank wird bei uns niemand. Das ist reine Gewohnheit und hat nicht mit besonderen Fähigkeiten zu tun. Ich selber bin einmal in der schwere See in einen schockartigen Zustand gefallen, als sich die immer höhere aufbauende See in Angst um die Kinder bei mir aufbaute. Die Kinder reagierten auf meine eigene Reaktion mit fast ähnlicher Apathie. Zum Glück hatten wir einen Gast an Bord der uns grosse Hilfe leistete. Seither ist das nicht noch einmal passiert und ich denke es war eine rein psychologische reaktion auf das noch Fehlende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wächst mit dem Vertrauen in das Schiff und Erfahrungen die man immer wieder macht. Gute Vorbereitung ist dabei oft der Schlüssel, um auf jede Art von Gefahr sofort zu reagieren. Wenn man weiss, das man auf die Situationen wie Windwechsel, Sommergewitter etc reagieren kann fühlt man sich stärker und die Angst tritt häufig in den Hintergrund.
Doch Situationen wie ich sie oben beschrieben habe entstehen sehr sehr selten und oft ist Segeln eher ein Geduldssache. Oft steht die Einzige Frage, wie man sich unterwegs beschäftigt im Vordergrund. Man muss den Kindern Abwechslung an Bord bieten damit keine Langeweile aufkommt. Nastasja tollt herum, möchte während dem segeln überall helfen oder spielt unter Deck. Selina tut ihr alles nach. Auf längeren Strecken sind die Kinder am Ziel schön ausgeruht während wir Erwachsenen ausgelaugt und müde sind. Manchmal eine Härteprobe für uns - unterliegen jedoch schnell dem kindlichen Charme: Komm lass uns an den Strand gehen und Muscheln sammeln!
Natürlich verfolgt auch mich die Frage mit der Schule und Freunden für meine Kinder. Bei Selina noch keine Frage während es bei Nastasja in ein, zwei Jahren schon aktuell wird. Diesen Winter besucht Nastasja den spanischen Kindergarten. Wir sind gespannt wie sie den Abschied von Ihren neu gewonnenen Freunden verkraftet. Doch auch hier ist Planung alles. Als es feststand wann wir die Türkei verlassen würden, bereiten wir Nastasja schon langsam auf die neue Situation vor, mit dem Ergebnis, dass sie uns immer ganz gespannt nach dem "Griechenland" fragte und uns später jedesmal fragte wenn wir ablegten: "Segeln wir jetzt nach Griechenland", sich dann nichts sehnlicher als Strandleben an neuen Küsten wünschte.
Jetzt freut sie sich schon auf Afrika und die Kamele. Als wir einen Zirkus besuchten zeigte sie mir ganz aufgeregt ein Kamel und meinte "die gibt’s in Afrika" Aber sie möchte auch noch andere Tiere besuchen die sie immer wieder in ihren Bilderbüchern aufschlägt. Möchte dann unbedingt weitersegeln bis zu den Pinguinen und zu den Kängurus. An Freunden fehlt es ihr nicht. An den Stränden hat es immer Kinder von Touristen unter denen sie sich schnell zurecht findet. Das einzige an was es fehlt sind Bootskinder, welche man immer wieder antrifft.
In den letzten zwei Jahren haben wir im ganzen Mittelmeerraum gerade mal drei Boote kennen gelernt mit Kindern. Das war hoffentlich nur unser Pech und wir hoffen, dass wir mehr Segelkinder in Zukunft antreffen werden.
Verläuft alles nach Plan können wir Ende des Jahres in die Karibik segeln, da soll es ja beinahe auf jedem Boot ein unbeschwertes Kinderlachen geben.
Soviel jedenfalls hat man uns über die Karibik bereits erzählt.

© Nina, SY Amberella Febr. 2001

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